Ein Vergleich mit den Niederlanden zeigt den Einfluss der Veloinfrastruktur auf das Unfallrisiko
In der Schweiz ist das Unfallrisiko beim Velofahren etwa doppelt so hoch wie in den Niederlanden. Das geht aus einer Studie der ETH Zürich hervor, in der Strecken gleicher Länge verglichen wurden. Haltestellen des öffentlichen Verkehrs stellen eine besondere Gefahr dar.

Zwischen 2019 und 2022 verzeichnete die Schweiz 0,19 Velounfälle pro 100’000 gefahrene Kilometer. In den Niederlanden lag diese Quote im gleichen Zeitraum bei 0,09. Die Forscher Georgios Kapousizis und David Zani haben mehr als 86’000 von der Polizei in beiden Ländern erfasste Unfälle analysiert. Ihre Ergebnisse wurden im September in der Fachzeitschrift Journal of Safety Research veröffentlicht.
Die Studie identifiziert drei Orte, an denen Velofahrer:innen in der Schweiz einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt sind als in den Niederlanden: Haltestellen des öffentlichen Verkehrs, Tramschienen und Kreuzungen – also Orte, an denen sich Velofahrer:innen und andere Verkehrsteilnehmer:innen kreuzen. In den Niederlanden sind es eher Kreisel, die Probleme verursachen.
Der Unterschied zwischen den beiden Ländern ist in Bezug auf Haltestellen des öffentlichen Verkehrs besonders auffällig. In der Schweiz müssen Velofahrer:innen oft direkt an haltenden Bussen und an ein- oder aussteigenden Personen vorbeifahren (oder es gibt Bereiche mit Mischverkehr, wie das Foto zeigt, das beim Bahnhof Hardbrücke in Zürich aufgenommen wurde). In den Niederlanden hingegen führen die Velowege in der Regel hinter den Haltestellen vorbei.
«Die Schweiz und viele andere Länder müssen das Rad nicht neu erfinden», betont Georgios Kapousizis, Erstautor der Studie. Für Kreuzungen empfiehlt der Forscher geschützte Anlagen für Velofahrer:innen und eigene Ampeln für Velos, und für Tramschienen Lösungen, die verhindern, dass sich die Räder in den Schienen verklemmen.
Verkehrsströme trennen, Geschwindigkeit reduzieren
Das Vorhandensein einer Veloinfrastruktur (separate Velowege, aber auch mit gelber Farbe markierte Velostreifen) senkt laut der Studie die Unfallwahrscheinlichkeit um etwa die Hälfte. Diese Anlagen sind in der Schweiz seltener: Den verwendeten Daten* zufolge decken sie 4,6 % des Strassennetzes ab, gegenüber 6,9 % in den Niederlanden. Ist eine physische Trennung zwischen Autos und Velos nicht möglich, empfehlen die Forscher eine Geschwindigkeitsreduktion: Auf Strassen mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h ist die Unfallwahrscheinlichkeit fast dreimal so hoch wie bei 30 km/h.
Die Studie hebt zudem den hohen Anteil an E-Velos hervor: Sie sind an etwa einem Drittel der in der Schweiz erfassten Unfälle beteiligt, gegenüber einem von acht in den Niederlanden. Die Autoren weisen schliesslich auf die Grenzen ihrer Daten hin. In der Schweiz werden Unfälle mit reinem Sachschaden nur sehr selten bei der Polizei gemeldet und die Analyse bezieht sich ausschliesslich auf die von der Polizei registrierten Unfälle – ein erheblicher Teil der Velounfälle bleibt somit unberücksichtigt.
Für Pro Velo bestätigen diese Ergebnisse, was der Verband schon seit langem fordert. «Die Sicherheit der Velofahrer:innen muss Priorität haben», erklärt Präsidentin Delphine Klopfenstein Broggini. «Und dafür braucht es endlich eine gerechtere Aufteilung des öffentlichen Raums: durchgehende und sichere Velowege, moderate Geschwindigkeiten und mehr Platz für das Velo. Das sind keine Optionen, sondern die Voraussetzungen, damit sich alle sicher fortbewegen können.» Und sie fasst zusammen: «Das hohe Unfallrisiko ist kein unabwendbares Schicksal. Es ist eine Frage der Infrastruktur.»
Link zur Studie
*Die Studie berücksichtigt die in OpenStreetMap mit dem Velo verbundenen Bezeichnungen „cycleway“ und „bicycle“. Diese umfassen baulich abgetrennte Velowege, farblich markierte Velostreifen sowie Abschnitte, die Velos vorbehalten oder auf denen Velos zugelassen sind. Es wird nicht zwischen farblich markierten Velostreifen und baulich abgetrennten Velowegen unterschieden. Die Prozentsätze erscheinen niedrig, weil die OpenStreetMap-Daten unvollständig sind. Dies räumen auch die Autoren ein.
https://www.pro-velo.ch/de/ueber-uns/aktuelles/artikel/ein-vergleich-mit-den-niederlanden-zeigt-den-einfluss-der-veloinfrastruktur-auf-das-unfallrisiko