Veloforum 2026: ein Hauch von Konsens
«Die Sicherheit der Velofahrenden ist vor allem eine Frage der Infrastruktur und der Geschwindigkeitsbegrenzung», betonte die Präsidentin von Pro Velo, Delphine Klopfenstein Broggini, am diesjährigen Veloforum. Ideen wie Velovignetten oder Bussen für Velofahrer:innen am Handy, die derzeit intensiv diskutiert werden, fanden hingegen kaum Anklang.

Christophe Najdovski und Delphine Klopfenstein Broggini

Rollstuhlleichtathletin Manuela Schär, Veloforum 2026 Foto: Urs Breitemoser/SwissCycling




Dimitri Marincek von der OUVEMA (Universität Lausanne) stellte die Zuverlässigkeit der Statistiken in Frage.
Rund 240 Fachleute trafen sich am Montag, 14. September, in Bern zur vierten Ausgabe des Veloforums – dem nationalen Velogipfel. In Anwesenheit von Bundesrat Albert Rösti drehten sich die Diskussionen um die Umsetzung des Veloweggesetzes, die Inklusion und vor allem um Möglichkeiten, die Zahl der Unfälle zu senken.
Albert Rösti bekräftigte das Ziel der Roadmap Velo des Bundes, die mit dem Velo zurückgelegten Kilometer bis 2035 zu verdoppeln, und rief gleichzeitig zu etwas Geduld auf.
Der SVP-Bundesrat ist der Ansicht, dass die Schweiz bei der Umsetzung des Anfang 2023 in Kraft getretenen Veloweggesetzes auf dem richtigen Weg sei: «Alle Kantone verfügen über eine Velo-Fachstelle und bis auf zwei oder drei Ausnahmen liegen alle im Zeitplan.» Pro Velo anerkennt zwar Fortschritte, weist jedoch darauf hin, dass noch viel zu tun bleibt, um die Ziele des Gesetzes – ein sicheres und durchgängiges Velowegnetz bis 2042 – sowie das Ziel des Bundes, die Verdoppelung der zurückgelegten Kilometer, zu erreichen.
Vignette, Helmpflicht, Bussgelder…? Nein!
Wie lässt sich das erreichen? «Es ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage des Willens», erklärte Lisa Mazzone (Grüne), wie es zu Beginn der Konferenz auch Christophe Najdovski, Mitgestalter der Velo-Politik der Stadt Paris, hervorgehoben hatte. Für die Grüne, ihren sozialdemokratischen Kollegen David Roth und für Jürg Grossen (Grünliberale) muss der Bund mehr Verantwortung übernehmen. Philipp Matthias Bregy (Die Mitte) plädierte seinerseits für weniger Ideologie und für steuerliche Anreize, während sich Benjamin Mühlemann von der FDP für bessere Rahmenbedingungen anstelle von Vorschriften aussprach.
Das Publikum konnte zudem bei drei Abstimmungen per Handzeichen sehen, wie sich die Parteien positionieren. Sollten Velofahrende, die während der Fahrt telefonieren, mit einer Busse belegt werden? Ja, sagten die SP, die Grünen, die Mitte, die SVP und die FDP. Nur die Grünliberalen sprachen sich dagegen aus. Sollte für Velofahrer:innen eine Helmpflicht eingeführt werden? Nur der Vertreter der Grünliberalen stimmte dafür. Eine kostenpflichtige Velo-Vignette? Nein von allen, mit Ausnahme von Henrique Schneider von der SVP.
In einem Gespräch zur Inklusion zeigten Heidi Hanselmann (Schweizer Paraplegiker-Stiftung) und Paralympics-Siegerin Manuela Schär, wo Menschen mit Querschnittlähmung auf Velowegen an Grenzen stossen. Hanselmann forderte, bei jeder neuen Veloinfrastruktur die Inklusionsverträglichkeit zu prüfen.
Die Unfallkurve umkehren
Ein weiterer Schwerpunkt der Konferenz war die Frage, wie die Zahl der Unfälle gesenkt werden kann. Stefan Siegrist, Direktor der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU), wies darauf hin, dass etwa jeder fünfte tödliche Verkehrsunfall ein Velo betrifft. Fast drei Viertel der schweren Unfälle ereignen sich innerorts, die Hälfte davon sind Stürze ohne Beteiligung Dritter. Bei Zusammenstössen ist die Missachtung des Vortritts, meist durch eine:n Autofahrer:in, die häufigste Ursache.
Ursula Wyss, Vorstandsmitglied von Pro Velo Schweiz und ehemalige Verkehrsdirektorin der Stadt Bern, stellte den «Safe-System»-Ansatz vor: Die Infrastruktur muss so gestaltet sein, dass menschliches Versagen keine schwerwiegenden Folgen hat. Infrastruktur und Geschwindigkeit verringern die Gefahr an der Quelle; Sensibilisierung, Kurse und das Tragen eines Helms sind hilfreich, beseitigen sie jedoch nicht. Bei Geschwindigkeiten über 30 km/h müssen ungeschützte Verkehrsteilnehmer:innen nach Ansicht der ehemaligen Nationalrätin vom motorisierten Verkehr getrennt werden. «Eine gelbe Linie reicht nicht aus, das ist keine Infrastruktur.»
Ursula Wyss stützt sich auf die Studie, die kürzlich die Schweiz und die Niederlande verglichen hat (siehe Kasten): Der Wechsel von gelben Velostreifen zu getrennten Velowegen würde ihrer Meinung nach mehr als die Hälfte der Unfälle mit Velos verhindern.
Dimitri Marincek von der OUVEMA (Universität Lausanne) stellte daraufhin die Zuverlässigkeit der Statistiken in Frage: Das Polizeiformular ist für Autos und Velos identisch, es kann nur eine Ursache angegeben werden, 40% der Ursachen für Velounfälle fallen in die Kategorie «Sonstiges» und neun von zehn Unfällen werden nicht erfasst. Lorenzo Cascioni, Vizedirektor des ASTRA, erläuterte, dass das Unfallprotokoll derzeit überarbeitet werde. Pro Velo wird diese Arbeiten aufmerksam verfolgen.
«Wir müssen das Velofahren in der Schweiz voranbringen», fasste Delphine Klopfenstein Broggini zusammen, «damit es zur Selbstverständlichkeit wird!»
Doppelt so viele Unfälle wie in den Niederlanden
In der Schweiz ist das Unfallrisiko beim Velofahren etwa doppelt so hoch wie in den Niederlanden. Dies geht aus einer Studie der Universität Twente und der ETH Zürich hervor, die diesen Monat im Journal of Safety Research veröffentlicht wurde.
Die Forscher analysierten mehr als 86 000 von der Polizei in beiden Ländern zwischen 2019 und 2022 registrierte Velounfälle. Das Ergebnis: In der Schweiz kommen auf 100’000 mit dem Velo zurückgelegte Kilometer 0,19 Unfälle, in den Niederlanden hingegen 0,09.
In der Schweiz stechen drei Unfallschwerpunkte hervor: Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs, Tramschienen und Kreuzungen. Die Forscher führen dieses höhere Risiko auf infrastrukturelle Unterschiede zurück. Das Beispiel der Haltestellen sei vielsagend, betont Georgios Kapousizis, einer der Autoren: In der Schweiz fahren Velofahrer:innen oft direkt an haltenden Bussen oder Fussgängern vorbei, während in den Niederlanden die Radwege die Haltestellen in der Regel von hinten umfahren.
«Die Schweiz und viele andere Länder müssen das Rad nicht neu erfinden», betont der Forscher. An Haltestellen würde es ausreichen, sich am niederländischen Modell zu orientieren. An Kreuzungen könnten geschützte Velowege und spezielle Ampeln für Velos helfen. Bei Tramschienen wären Lösungen erforderlich, die verhindern, dass sich die Räder in den Schienen verklemmen.
Die physische Trennung zwischen Autos und Velos verringert das Risiko erheblich. Wo dies nicht möglich ist, empfiehlt Georgios Kapousizis, die Geschwindigkeit zu senken: Auf Strassen mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 km/h ist die Unfallwahrscheinlichkeit fast dreimal so hoch wie bei 30 km/h.
https://www.pro-velo.ch/de/ueber-uns/aktuelles/artikel/veloforum-2026-ein-hauch-von-konsens