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«Dooring»: Der niederländische Griff – eine lebensrettende Geste

Eine Autotür, die sich ohne Vorwarnung öffnet – und schon stürzt ein:e Velofahrer:in. Um diese sogenannten «Dooring»-Unfälle zu bekämpfen, hat Hasan Candan, Vizepräsident von Pro Velo Schweiz, eine Motion eingereicht, die darauf abzielt, den «holländischen Griff» in den Verkehrsregeln zu verankern.

Quelle: Suva/Oulus Illustration

Das Szenario ist nur allzu bekannt: Ein Auto hält an, der Fahrer oder die Beifahrerin öffnet die Tür, ohne hinzuschauen, und der Velofahrende, der gerade auf Höhe des Autos vorbeifährt, hat weder Zeit zum Bremsen noch – wie so oft – Platz, um dem Hindernis auszuweichen. Im Englischen spricht man von «Dooring» (von «door», der Tür). Solche Zusammenstösse sind keineswegs selten: In der Schweiz wurden zwischen 2012 und 2021 561 Unfälle dieser Art registriert, bei denen jedes Jahr durchschnittlich zehn Velofahrer:innen schwer und 46 leicht verletzt wurden.

Das Ausmass des Problems wird in einer 2022 in der Fachzeitschrift Praxis veröffentlichten Studie detailliert beschrieben: Dooring-Fahrradunfälle mit schweren Verletzungsmustern: 10-Jahres-Studie eines Level-1-Traumazentrums, durchgeführt an der Universitätsnotfallklinik des Inselspitals in Bern. Im Jahr 2014 hatte ein «Dooring» für eine betroffene Person sogar tödliche Folgen. Unter Einbeziehung von E-Velos und Mofas erfasst die Studie 680 Unfälle durch plötzlich sich öffnende Autotüren und 679 Verletzte.

Ein Griff, ein Blick
Es gibt eine Lösung, und sie kostet nichts: Anstatt die Tür mit der näheren Hand zu öffnen, sollte man die andere Hand verwenden, die weiter von der Tür entfernt ist – also die rechte Hand für den Fahrer, die linke für den Beifahrer. Diese Bewegung, die als «Dutch Reach» ( «holländischer Griff») oder «holländischer Griff» genannt wird, dreht den Oberkörper und lenkt den Blick ganz natürlich nach hinten, in den Rückspiegel und über die Schulter. In den Niederlanden wird sie seit Jahrzehnten von Fahrlehrern vermittelt. Das Vereinigte Königreich hat sie 2022 als Empfehlung in seine Strassenverkehrsordnung (Highway Code, Regel 239) aufgenommen.

Nationalrat (SP/LU) Hasan Candan will noch einen Schritt weiter gehen. Der Vizepräsident von Pro Velo Schweiz fordert, Artikel 21 der Verkehrsregelnverordnung (VRV) zu ergänzen und den holländischen Griff darin zu verankern. «Die verunfallten Personen erleiden dabei oft schwere Verletzungen und müssen ambulant in der Notaufnahme von Spitälern oder sogar stationär behandelt werden», sagt er. Der Nationalrat geht es nicht ums Bestrafen, sondern um Sensibilisierung: Der holländische Griff soll ein fester Bestandteil der Fahrprüfung werden. Der Bundesrat muss noch Stellung nehmen.

Vor Ort macht die Prävention bereits Fortschritte. 2024 lancierten Pro Velo Kanton Zürich, der TCS Gruppe Zürich Stadt und die Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich gemeinsam eine Videokampagne, die auf einem realen Unfall beruht. Auch die Suva erklärt in Zusammenarbeit mit Pro Velo Schweiz den holländischen Griff und rät Velofahrenden, ausserhalb der Dooring-Zone zu fahren.

Eine bereits gelehrte Massnahme
Der Verband L-Drive Schweiz, der Dachverband der Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer, hält eine offizielle Empfehlung hingegen für unnötig. Das sichere Aussteigen aus dem Fahrzeug sei bereits Teil der praktischen Ausbildung, und Artikel 21 der Strassenverkehrsordnung schreibe vor, beim Ein- und Aussteigen Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer zu nehmen, erinnert Präsident Michael Gehrken. Seine Mitglieder lehren daher den holländischen Griff.

Der Verband bewertet diesen Handgriff als «einfach, kostenlos und wirksam, vorausgesetzt, sie wird von Anfang an zur Gewohnheit, da sie sonst im Alltag in Vergessenheit gerät.» Allerdings sei sie «keine Wunderlösung». Die Geste ersetze weder Wachsamkeit noch eine sichere Strasseninfrastruktur. 

Auch Velofahrende können sich schützen: Wer an parkierten Autos vorbeifährt, sollte wenn möglich rund einen Meter Abstand halten. Die Hauptverantwortung liegt aber laut Pro Velo Schweiz bei jenen, die die Tür öffnen – und dafür genügt ein einfacher Handwechsel.

Mehr dazu: 
Kampagne der suva
Kampagne von Pro Velo Zürich

https://www.pro-velo.ch/de/ueber-uns/aktuelles/artikel/dooring-der-niederlaendische-griff-eine-lebensrettende-geste

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