Das Velonetz vom Papier auf die Strasse bringen

Jetzt und in einer möglichen Zukunft. Dossier "Boulevard" der Velokonferenz.

Die gesetzlichen Grundlagen stehen, doch auf den Schweizer Strassen ist der Verfassungsauftrag, die Velowegnetze zu bauen, bei Weitem noch nicht umgesetzt. Rebecca Müller und Michael Liebi von der Velokonferenz Schweiz über durchgängige Veloinfrastruktur, Inspirationen aus den Niederlanden und das Velo als Instrument für mehr Lebensfreude. 

Warum braucht es die Velokonferenz Schweiz? 
Rebecca: Eine wichtige Aufgabe für uns ist es, Impulse zu geben. Viele Länder sind weiter als wir. Dieses Wissen möchten wir auch in die Schweiz bringen. Gleichzeitig verstehen wir uns als Ort des Austauschs: Bei uns kommen Fachleute aus allen Kantonen, Städten und privaten Planungsbüros zusammen. Wenn wir die Veloverkehrsplanung gemeinsam anpacken, entfalten wir viel mehr Wirkung.

Michael: Bei uns wird Mitglied, wer sich mit Einsatz und Herzblut für den Veloverkehr engagieren will. Die Veloexpert:innen in den Fachstellen und den Planungsbüros sind intrinsisch motiviert. Historisch gesehen waren Veloplanende in der Verwaltung oft Einzelkämpfer:innen, die sich gegen andere Mobilitätsanliegen durchsetzen mussten. Das Zusammensein in der Velokonferenz gibt uns die Energie, das Thema Velo mit einem guten Groove voranzubringen. 

Wo stehen wir in der Schweiz auf dem Weg zur flächendeckenden Veloförderung?
Rebecca: Das Veloweggesetz, das Pro Velo entscheidend mit auf den Weg gebracht hat, war ein Meilenstein für unsere Arbeit. Die gesetzliche Grundlage ist da, die Kantone und Gemeinden stehen in der Pflicht. Aber in der Umsetzung bleibt wahnsinnig viel zu tun, bis das Gesetz vom Papier auf die Strasse kommt und die Menschen es im Alltag wirklich spüren. 

Michael: Wir haben in den letzten Jahren einen Paradigmenwechsel vollzogen. Lange wurde die Veloplanung nur für jene gedacht, die sowieso Velo fahren, unabhängig davon, ob es Veloinfrastruktur hat und wie gross das Risiko ist. Schauen wir in die Niederlande, fährt dort die ganze Gesellschaft Velo – vom Kind bis zum König. Wenn wir das wollen, müssen wir Verhältnisse auf den Strassen schaffen, die für alle passen.  

Im März widmete die Velokonferenz dem Thema «Vision Zero» ein Webinar. Weshalb gelingt es bislang nicht, die Anzahl von Verletzten und Toten im Veloverkehr deutlich zu senken? 
Michael: Jeder Unfall ist eine Tragödie, wir sind mit der Entwicklung definitiv nicht zufrieden. Zwar muss man zur Einordnung die steigenden Nutzungszahlen nennen, aber der entscheidende Hebel ist die Infrastruktur. Klassische Kampagnen adressieren oft nur das Individuum und das Minimieren von Verletzungen. Wo wir aber noch nicht den nötigen Stand und das kollektive Verständnis haben, ist bei der Frage, wie eine wirklich sichere Infrastruktur aussieht. Unsere Netze sind noch zu lückenhaft, viele Velostreifen zu schmal und die Geschwindigkeiten des Autoverkehrs vielerorts zu hoch. Das produziert Konflikte und leider auch Unfälle. Ein sicheres System berücksichtigt alle Aspekte vom Gesamtverkehrskonzept bis zur Wahl des Randsteins. 

In der Freizeit boomt das Velo, doch auf dem Arbeitsweg dominiert nach wie vor das Auto. Wie knacken wir diese Nuss? 
Michael: Mit Infrastruktur! Die Verkehrsplanung ist stark angebotsgetrieben. Das wurde jahrzehntelang fürs Auto gemacht – schaffen wir nun gute Angebote fürs Velo, kommen die Leute. Rund 60 Prozent der Menschen würden gerne mehr Velofahren, wenn die Voraussetzungen stimmen. Neben sicheren Wegen braucht es ein Gesamtpaket: den Zugang zum Velo, Visibilität und Angebote wie die Fahrkurse von Pro Velo. Auch die Kombination von Velo und Zug besitzt noch riesiges Potenzial. Es geht gar nicht darum, jede lange Autofahrt oder jeden schweren Transport komplett zu ersetzen, sondern den Veloanteil substanziell zu erhöhen. 

Rebecca: Das Stichwort lautet «Convenience», Komfort: Velofahren muss schlicht das Bequemste und Praktischste sein. Wenn wir die Hürden abbauen, wird das Velo in den kompakten Schweizer Städten ganz schnell zum beliebten Verkehrsmittel für die unterschiedlichsten Menschen. 

Manche Menschen haben den Eindruck, der Ton im Strassenverkehr sei rauer geworden. Braucht es mehr Trennung oder mehr Miteinander? 
Michael: Das Bild ist komplex. Bestimmt gibt es Konflikte. Aber wir sehen ein hoffnungsvolles Gegenbeispiel: In Städten, in denen der Veloverkehr stark zunimmt, sind die Menschen sichtbarer gegenüber dem Autoverkehr. Das schützt. «Safety in numbers», Sicherheit durch Gemeinschaft, ist ein realer Trend – wer gemeinsam und sichtbar unterwegs ist, verändert auch das Verhalten der Autofahrenden, die sich anpassen müssen. 

Rebecca: Die Gestaltung des öffentlichen Raumes hat einen grossen Einfluss. Er sollte so gestaltet sein, dass er zu einem echten Miteinander einlädt und alle Platz haben. Angemessene Geschwindigkeiten ermöglichen, dass sich die Menschen gegenseitig wahrnehmen.   

Velobahnen werden derzeit in verschiedenen Regionen geplant. Welche Chancen bieten diese Grossprojekte? 
Rebecca: In den Niederlanden werden die Velobahnen «Durchradelrouten» genannt. Es geht dabei nicht darum, möglichst schnell durchzurasen, sondern eine durchgehende, hohe Qualität für alle anzubieten. Die Praxis zeigt dort, dass die Menschen bereit sind, Umwege in Kauf zu nehmen, um auf diese Routen zu gelangen, weil das Fahrerlebnis so viel besser ist. Studien aus den Niederlanden zeigen, dass mit einer neuen Velobahn der Veloanteil im Pendelverkehr substanziell gesteigert werden kann. Das ist ein riesiger Gewinn an Lebensqualität und kann dazu führen, dass es weniger Autostaus gibt. Die Attraktivität der Infrastruktur macht den Unterschied. 

Michael: Mit Velobahnen wird das Velo als vollwertiges Verkehrsmittel endlich mal gross gedacht – es braucht eben mehr als nur einen gelben Velostreifen. Damit holen wir das riesige Potenzial jener ab, die heute noch zögern. Ja, es braucht grössere Investitionen für richtig gute Infrastruktur wie abgetrennte Velowege, Brücken und Unterführungen. Aber wenn wir das Astra-Ziel, den Veloverkehr bis 2035 zu verdoppeln, ernst meinen, führt an diesen Investitionen kein Weg vorbei. 

Gab es in letzter Zeit eine Situation auf dem Velo, die euch so richtig glücklich gemacht hat? 
Rebecca: Mein Arbeitsweg führt durch eine alte Baumallee in der Stadt Bern. Mit dem Velo fahre ich entspannt im kühlen Schatten, während die Autos und Busse eine separate Spur haben. Heute Morgen traf ich zufällig einen Freund; es gab genug Platz, um einfach anzuhalten und zu plaudern. Währenddessen fuhr ein unbekannter Rennvelofahrer vorbei und grüsste uns enthusiastisch, kurz darauf ebenso eine Joggerin. Das war für mich sinnbildlich dafür, wie Velofahren, beziehungsweise der Aufenthalt im öffentlichen Raum sein sollte: im Austausch mit der Umgebung, entspannt und freundlich. Neben all den wichtigen Argumenten wie Klimaschutz, Lärmreduktion oder Gesundheitsförderung ist das Velo ein Instrument für mehr Lebensfreude für die ganze Bevölkerung.

Interview: Laura Kuster


Rebecca Müller
Die Politikwissenschaftlerin aus dem Kanton Freiburg (45) war lange Geschäftsleiterin von Pro Velo Bern und Pro Velo Kanton Bern. Anfangs 2025 wechselte sie zur Velokonferenz Schweiz. Rebecca Müller lebt in Bern und sucht in ihrer Freizeit Lost Places auf stillgelegten Eisenbahnstrecken. 

Michael Liebi​
Seit 2021 im Vorstand der Velokonferenz Schweiz, übernahm Michael Liebi 2025 deren Präsidium. Der Raum- und Verkehrsplaner prägte die Velooffensive der Stadt Bern. Der 46-jährige Berner liebt Velotouren in die Berge, Wandern und Zelten.


Velokonferenz Schweiz 
Die Velokonferenz Schweiz (Conférence Vélo suisse, Conferenza Bici Svizzera) ist die nationale Fachorganisation für Veloverkehrsplanung. Sie versteht sich als Forum für den Erfahrungsaustausch und den Wissenstransfer von Fachleuten. 

www.velokonferenz.ch