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Christophe Najdovski: «Was Paris geschafft hat, kann jede Stadt schaffen»

Christophe Najdovsk hat den Wandel der französischen Hauptstadt zu einer velofreundlichen Stadt vorangetrieben: Die Zahl der Velofahrenden hat sich dort innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Als Gast des Veloforums am 14. September in Bern vermittelt er eine einfache Botschaft: «Keine Stadt ist gezwungen, dem Velo feindlich gesinnt zu bleiben. Alles ist eine Frage des politischen Willens – und die Vorteile kommen der gesamten Gesellschaft zugute», versichert er.

Von 2014 bis 2020 war Christophe Najdovski Stellvertreter der Pariser Stadtpräsidentin Anne Hidalgo und zuständig für Verkehr, Strassenwesen und Mobilität. In dieser Funktion trieb er den Pariser Veloplan voran, der 2015 vom Pariser Stadtrat einstimmig verabschiedet wurde und den Grundstein für das Netz sicherer Velowege legte, das die Hauptstadt verändert hat. Am 14. September nimmt er am Veloforum in Bern teil. 

Was ist aus Ihrer Sicht der grösste Erfolg bei der Förderung des Veloverkehrs in Paris? 
Christophe Najdovski: Viele Entscheidungsträger dachten, die Velowege würden leer bleiben und es sei verschwendetes Geld. Das Gegenteil ist eingetreten: Der Veloverkehr hat sich in Paris innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Das beweist: Wenn man ein durchgängiges, sicheres und hochwertiges Netz schafft, kommen die Velofahrer:innen – darunter auch Menschen, die sich vor zehn Jahren nie hätten vorstellen können, mit dem Velo unterwegs zu sein. 

Der Slogan «Build it and they will come» hat sich also bewahrheitet? 
Genau, es war nicht nur ein Slogan, die Fakten haben es bestätigt. Vor 2015 gab es zwar einige Velowege, aber kein durchgängiges und sicheres Netz: Ein Velostreifen, eingeklemmt zwischen dem Verkehr und einer Reihe von parkierten Autos, ist keine Infrastruktur, die Lust auf Velofahren macht. Der eigentliche Unterschied besteht darin, dass man sich auf den Hauptverkehrsachsen für breite, durchgehende und vom Motorverkehr getrennte Velowege entschieden hat. 

Wie haben Sie die politischen Vorbehalte überwunden? 
Der 2015 gemeinsam mit Anne Hidalgo verabschiedete Velo-Plan wurde vom Pariser Stadtrat nach einer umfassenden Konsultation mit den Einwohner:innen und Verbänden einstimmig und über alle politischen Lager hinweg angenommen. Das hat den Widerstand bei der Umsetzung jedoch nicht verhindert, insbesondere seitens einiger Bezirksbürgermeister der Opposition oder der Polizeipräfektur. Aber der politische Wille war da, und wir haben das Projekt bis zum Ende durchgezogen, unter anderem indem wir die Bedürfnisse der Rettungsfahrzeuge bei der Breite der Velowege berücksichtigt haben. 

Anne Hidalgo wurde für diesen entschlossenen Kurs heftig kritisiert. Hat sie dafür einen Preis bezahlt? 
Man sprach von einer Durchsetzung mit harter Hand, dabei ging es lediglich darum, den öffentlichen Raum angesichts der Klimakrise neu zu gestalten. Paris war Gastgeber des Pariser Klimaabkommens, und es bestand der Wille, mit gutem Beispiel voranzugehen. Und die Fakten sprechen für sich: Anne Hidalgo wurde 2020 wiedergewählt, und 2026 trat ihr ehemaliger erster Stellvertreter, der denselben Kurs verfolgt ihre Nachfolge an. Am Tag seiner Wahl fuhr er mit dem Velo zum Rathaus – ein starkes Symbol. 

Es wird viel über Spannungen, die manchmal tragische Ausmasse annehmen, zwischen Motorisierten und Velofahrerenden gesprochen… 
Das ist eine Tatsache, und sie betrifft nicht nur Paris: Gewalt im Strassenverkehr ist in allen Ländern ein Problem, wobei aggressives Verhalten die Schwächsten – Fussgänger:innen und Velofahrende – gefährdet. Der Mord am Velofahrer Paul Varry, der 2024 von einem Autofahrer absichtlich angefahren wurde, ist ein tragisches Beispiel dafür. Die Behörden müssen in erster Linie gegen diese Gewalt im Strassenverkehr vorgehen. Das entbindet die Velofahrenden jedoch nicht von der Pflicht, zu Fuss Gehende zu respektieren: Die Stadtpolizei führt auch bei ihnen Kontrollen durch und stellt Bussen aus. 

Und ausserhalb der Städte? 
Gerade ausserhalb der Ballungsgebiete, auf kleinen Strassen, ist die Unfallrate bei Velofahrerenden am höchsten. In jedem Land oder Bezirk sollte darüber nachgedacht werden, bestimmte Nebenstrassen mit geringem Verkehrsaufkommen besser anzupassen – zum Beispiel durch eine Senkung der Höchstgeschwindigkeit, was mit geringen Kosten verbunden wäre. 

In der Schweiz hört man oft, das Velofahren sei zu teuer und es gebe keinen Platz dafür. Was antworten Sie darauf? 
Das sind falsche Argumente. Es ist die Bewegungsarmut, die die Gesellschaft teuer zu stehen kommt, insbesondere durch Gesundheitsausgaben – Velofahren hingegen spart Kosten. Veloinfrastruktur ist in der Regel kostengünstiger als solche für Autos. Was den Platz angeht: Man findet immer Platz, wenn man sich wirklich dazu entschliesst: Eine Parkreihe, eine Fahrspur – das lässt sich umwidmen. Es ist alles eine Frage der politischen Entscheidung, kein unabwendbares Schicksal. 

Frankreich hat kürzlich sein nationales Velo-Budget gekürzt. Stellt dies die bisherigen Errungenschaften in Frage? 
Ja, das ist ein echter Rückschlag. Der nationale Veloplan von 2018 half den Gemeinden, kostspielige Anlagen wie Velobrücken zu finanzieren. Seine abrupte Aufhebung gefährdet das für 2030 in Frankreich festgelegte Ziel eines Veloverkehrsanteils von 12 %: Dieses wird eindeutig nicht erreicht werden. Das ist ein Signal, dass wir in unseren Bemühungen auf keinen Fall nachlassen dürfen. Das Ziel ist es, echte Wahlfreiheit zu ermöglichen. Ohne eine hochwertige Infrastruktur gibt es diese Wahl nicht, und die Menschen verzichten darauf – nicht aus mangelnder Lust, sondern aus Mangel an Alternativen. 

Welche Botschaft möchten Sie dem Veloforum mitgeben? 
Dass jede Stadt, jede Region etwas für den Veloverkehr tun kann, ganz gleich, wo sie gerade steht. Paris galt nicht als velofreundliche Stadt – doch innerhalb von etwa zwölf Jahren ist sie es geworden. Es ist keine Frage der «Genetik», wie man manchmal über die Niederlande oder Dänemark sagt, die ebenfalls dafür gekämpft haben. Es ist eine Frage des politischen Willens. Und das Wichtigste ist, dass niemand auf Kosten anderer davon profitiert: Es ist eine Win-Win-Situation für die gesamte Gesellschaft. 

Programm des Veloforums


Christophe Najdovski

Christophe Najdovski wurde 1969 in Paris geboren, ist ausgebildeter Wirtschaftsprofessor und engagierte sich schon früh bei den Grünen. Seit 2001 ist er Stadtrat in Paris, 2008 wurde er stellvertretender Stadtpräsident von Paris. Zuerst war er für die frühkindliche Betreuung zuständig, von 2014 bis 2020 dann für Verkehr, Strassenwesen und Mobilität – in dieser Zeit trieb er den Velo-Plan der Hauptstadt voran. Von 2020 bis März 2026 war er als Stellvertreter für Begrünung, Grünflächen, Biodiversität und Tierschutz zuständig. Ausserdem war er von 2018 bis 2021 Präsident des Europäischen Radsportverbands und lief dreimal den Pariser Marathon. Heute arbeitet er für die Stadt Paris an umfassenderen Stadtentwicklungsprojekten. 

https://www.pro-velo.ch/de/ueber-uns/aktuelles/artikel/christophe-najdovski-was-paris-geschafft-hat-kann-jede-stadt-schaffen

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