«Pro Velo ist besonders wichtig für die European Cyclists' Federation»
Henk Swarttouw, Präsident der European Cyclists’ Federation, engagiert sich leidenschaftlich für die Förderung des Veloverkehrs in Europa. Ende November besuchte er die Pro Velo-Delegiertenversammlung in St. Gallen und betonte die Bedeutung von Pro Velo Schweiz als eines der mitgliederstärksten ECF-Mitglieder.

Bild: Michael Sutter
«Pro Velo Schweiz ist für uns besonders wichtig, da es nach unseren deutschen, britischen, französischen und niederländischen Mitgliedern zu unseren mitgliederstärksten Organisationen gehört»: das sagt Henk Swarttouw, Präsident der ECF. Im folgenden Interview erklärt er warum.
Sie sind eigens zum 40-Jahr-Jubiläum von Pro Velo angereist. Welche Wünsche haben Sie für die nächsten 40 Jahre?
Wir hoffen, dass Pro Velo weiter wächst und an politischem Gewicht gewinnt. Entscheidend ist, dass die Organisation – wie andere nationale Verbände – eine Brückenfunktion wahrnimmt: zwischen der Arbeit auf internationaler Ebene innerhalb der ECF und dem Engagement von Aktivistinnen und Aktivisten vor Ort.
Glauben Sie, dass unser Land auf dem richtigen Weg ist, um den Veloverkehrsanteil zu erhöhen?
Die Herausforderungen ähneln sich in vielen Ländern. Während rechte Parteien den Veloverkehr häufig ablehnen, wird er von linken Parteien eher unterstützt. Unsere Haltung ist klar: Velofahren ist weder links noch rechts. Es ist eine für alle geeignete Form der Fortbewegung – nicht zuletzt aufgrund ihrer nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteile.
Was meinen Sie damit?
Öffentliche Gesundheit und Sicherheit sind für alle wichtige Güter. Niemand will, dass Menschen im Strassenverkehr getötet werden. Wir müssen weg von der polarisierenden Debatte. Deshalb halte ich es für besser, pro Velo zu sein als anti Auto. Wir müssen die Vorteile des Velofahrens betonen, nicht die Nachteile des Autos. Wenn das Velofahren attraktiver und effizienter ist als das Autofahren, entscheiden sich die Menschen freiwillig dafür. Dann ist es eine positive Wahl.
Selbst das Tempo-30-Limit sorgt für heftige Reaktionen …
Die Vermittlung von Fakten ist oft schwierig, weil die Debatte selten rational geführt wird. Wie sich die Situation konkret in Schweizer Städten darstellt, weiss ich nicht genau. Generell liegt die effektive Durchschnittsgeschwindigkeit des Autoverkehrs in Städten jedoch bei rund 16 bis 17 km/h. In der Londoner Innenstadt beträgt sie sogar lediglich etwa 8 km/h – dort ist man zu Fuss teilweise schneller unterwegs als mit dem Auto.
Das zentrale Argument für Tempo 30 ist die Verkehrssicherheit – und damit der Schutz von Menschenleben. Bei einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h sinkt das Risiko tödlicher Unfälle markant. Internationale Beispiele bestätigen dies: In Brüssel, wo innerhalb des Innenstadtrings flächendeckend Tempo 30 gilt, sind sowohl die Zahl der Verkehrsunfälle als auch der Todesopfer deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig zeigt sich eine klare Schieflage in der Sicherheitsentwicklung: Während Insass:innen von Autos zunehmend besser geschützt sind, stagniert oder verschlechtert sich die Sicherheit für Fussgänger:innen und Velofahrende. Tempo 30 wirkt diesem Ungleichgewicht entgegen.
Im Herbst wurde ein erster Bericht zur Umsetzung der Europäischen Erklärung zum Velofahren veröffentlicht. Sind Sie zufrieden?
Der Veloverkehr hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Heute lassen sich mit dem Velo problemlos schwere Lasten, Einkäufe oder auch Kinder transportieren. Insbesondere die Elektrifizierung hat den Nutzerkreis deutlich erweitert: E-Bikes ermöglichen es älteren Menschen sowie Personen, für die ein herkömmliches Fahrrad keine Option ist, das Velo im Alltag zu nutzen.
Dass Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, einen jährlichen Bericht zum Veloverkehr eingefordert hat, ist ein klares politisches Signal. Velofahren wird damit auf höchster Ebene als Teil der Lösung zentraler gesellschaftlicher Herausforderungen anerkannt – von der Klimapolitik über die öffentliche Gesundheit bis hin zu Verkehrsbelastung, urbaner Lebensqualität und den Perspektiven künftiger Generationen. Das ist sehr positiv.
Die ECF protestiert gegen aus den USA importierte Lastwagen. Wo steht dieses Dossier?
Diese gross dimensionierten Trucks sind für europäische Strassen und Städte völlig ungeeignet – insbesondere für historische Stadtzentren aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. In den USA stellen sich die räumlichen und verkehrlichen Rahmenbedingungen jedoch anders dar. Das Thema ist inzwischen Teil umfassenderer Verhandlungen zu den transatlantischen Beziehungen geworden. Wir setzen alles daran, diese Fahrzeuge von europäischen Strassen fernzuhalten. Die Verhandlungen sind noch im Gang.
https://www.pro-velo.ch/de/ueber-uns/aktuelles/artikel/pro-velo-ist-sehr-wichtig-fuer-die-european-cyclist-federation