Rad-Talk
Gefühl schlägt Norm
Thomas Hug-Di Lena im Gespräch, warum gute Infrastruktur erst dann wirkt, wenn sie sich für Menschen richtig anfühlt, und weshalb Verkehrsplaner dafür die Grenzen des Möglichen ausloten sollten.

Als Verkehrsplaner setzen Sie sich für eine «menschengerechte» Verkehrsplanung ein. Was heisst das?
Das subjektive Empfinden der Menschen sollte bei der Verkehrsplanung stärker berücksichtigt werden. Das kommt in unserer von Ingenieuren dominierten Branche oft zu kurz. Wir wissen beispielsweise, dass sich Menschen auf breitflächig rot bemalten Velowegen sicherer fühlen als auf schmalen mit gelben Streifen. Ist das bekannt, sollte die Infrastruktur auch so gebaut werden, denn Menschen nutzen diese nur, wenn sie sich wohlfühlen. Wir müssen aber auch darüber nachdenken, wie wir über das Velo sprechen. Velofahren sollte so selbstverständlich sein wie zu Fuss zu gehen. Solange es als politisches Thema behandelt wird, bleibt es jedoch eine Nische. Dabei ist Velofahren vielfach schlicht die praktischste Art, sich in der Stadt zu bewegen. Das sollte auch die Botschaft sein. Dann geschieht die Veloförderung ganz von allein, in den Köpfen wie auch auf den Strassen.
In letzter Zeit gab es vermehrt Gegenwind fürs Velo. Der Autobahnausbau rückt wieder in den Vordergrund. Inwiefern ist jeder zusätzliche Autobahnkilometer tatsächlich ein Rückschritt fürs Velo?
Werden Autobahnen ausgebaut, nimmt der Autoverkehr vielerorts zu. Wo sich die Wege von Fussgängerinnen und Fussgängern sowie Velofahrenden mit dem motorisierten Verkehr kreuzen, wird es dann oft gefährlicher. Deshalb braucht es bei einem Autobahnausbau in Siedlungsgebieten immer umfassende flankierende Massnahmen. Dazu gehören tiefere Tempolimiten, Durchfahrtsbeschränkungen und auch die Umnutzung von Strassenräumen zugunsten des Velo- oder Fussverkehrs. Das mildert die Folgen, löst aber den Widerspruch nicht.
Wie bleibt man selbst bei Rückschritten optimistisch? Sie sprechen auf Ihrer Website von «Anflügen von Aussichtslosigkeit» ...
Ich freue mich extrem, wenn ich merke, was alles möglich ist. Manchmal werde ich aber auch wieder von der Realität eingeholt. Doch auch aus Rückschlägen lässt sich etwas machen. Der Autobahnappell vor der Abstimmung vom 24. November 2024 ist dafür ein gutes Beispiel: Viele Verkehrsexpertinnen und -experten wagten es, ihn zu unterschreiben, und er wurde in der Arena diskutiert. Die gewonnene Abstimmung hat etwas in Gang gesetzt. Ich sehe auch, wie sich die Städte verändern. Das Velo wird alltäglicher, sichtbarer und selbstverständlicher. Das macht mir Mut.